Psy-Mon, ein System zur Befindlichkeitsmessung
per SMS, verbessert die Wahrnehmung von Gefühlen
Patienten, die über lange Zeit hinweg unter starken
Zwängen gelitten haben, beklagen häufig, dass sie trotz
erfolgreicher Überwindung ihrer Zwangssymptomatik immer wieder
erleben, dass sie mit ihrer "Gefühlswelt" nicht
zurechtkommen. Sie würden in solchen Momenten die Erfahrung machen,
dass bei ihnen auch schon nichtige Anlässe überschießende
emotionale Reaktionen bewirken. Vereinzelt wird berichtet, dass auch
bei positiven Gefühlen deutliche Perversionstendenzen auftreten
können, wie zum Beispiel in einem Fall, wo sich ein
"geheilter" Zwangskranker (unglücklich) verliebt
hatte.
Als therapeutische Intervention bietet es sich in
Fällen gefühlsmäßiger Überreaktion an, den Patienten dazu
anzuleiten, über einen längeren Zeitraum seine Gefühle bewusster
und differenzierter wahrzunehmen. Zu diesem Zweck wurde das in
Zusammenarbeit mit dem Softwareingenieur Andreas Seebeck entwickelte
"Psy-Mon-System" eingesetzt. Dabei bekommt der Patient
dreimal am Tag zu vorher vereinbarten Zeiten eine SMS auf sein Handy
geschickt, die ihn dazu auffordert, eine Momentaufnahme seiner
aktuellen emotionalen Befindlichkeit vorzunehmen. Dies geschieht
anhand von fünf Dimensionen in der Abstufung von Schulnoten (1 =
sehr gut bis 6 = sehr schlecht). Der Patient schickt dann eine aus
fünf Zahlen bestehende SMS als Antwort an den "Psy-Mon-Server"
zurück. Die die psychophysische Befindlichkeit erfassenden
Dimensionen sind:
Stimmung,
Aktivität,
Nervosität,
körperliche Frische und
Tatkraft/geistige Leistungsfähigkeit.
Die Anfangsbuchstaben dieser Dimension ergeben als
Gedächtnisstütze das Wort: "Sanft". Der Empfang
der Befindlichkeitsrückmeldung durch den Server wird mit der
Antwort-SMS quittiert, die einen ständig wechselnden Tipp dazu
enthält, wie man es sich in seinem Leben leichter machen kann. Ein
solche "Lebensweisheit" könnte z.B. lauten: "Wo die
Angst ist, da geht es lang" oder "Wende dein Gesicht immer
der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich".
Erfahrungsgemäß neigen gerade Menschen mit
Zwangsstörungen dazu, sehr selektiv auf den vom Zwang
hervorgerufenen Gefühlsstress zu achten. Deshalb ist die Anwendung
des Psy-Mon-Systems ein Behandlungsangebot, das gegen Ende der
Therapie dieses abrundet, indem es die Entwicklung in Richtung
"normales" Fühlen und Erleben fördert.
Bei einer etwas abgewandelten Form dieses
SMS-gestützten Befindlichkeitsmesssystems werden statt der
Intensität von Gefühlen und des Ausmaßes der Aktiviertheit der
Ausprägungsgrad von Zwangsverhalten und der Widerstand dagegen
abgefragt. Dieses System trägt den Namen "OCD-Monitor"
und erfasst folgende 6 Dimensionen:
aktueller Ausprägungsgrad der
Zwänge,
erlebte Beeinträchtigung durch die Zwangsstörung,
Widerstand gegen den Ausführungsdrang für
Zwangshandlungen,
der dabei erzielte Erfolg,
heutige Stimmung und
Bedürfnis nach einem unterstützenden Rückruf durch den
Therapeuten.
Hier bilden die Anfangsbuchstaben der Dimensionen
zur Gedächtnisstütze das Wort "Abwehr".
Der "OCD-Monitor" hat ebenso wie das
Psy-Mon-System gegenüber "Tagebüchern" zur Erfassung der
Befindlichkeit den Vorteil, dass es den Patienten auf
"zarten" Druck hin (Empfangen einer entsprechenden SMS)
veranlasst, sich zu fragen, was sich bei ihm psychisch gerade
abspielt. Diese therapeutische Intervention führt zu einer
Verbesserung des Differenzierungsvermögens auch schon für kleine
Veränderungen in der "Gefühlswelt" und insgesamt zu
einer größeren und umfassenderen Selbstaufmerksamkeit. In dieser
Hinsicht fokussiert das "Psy-Mon-System" das gleiche
therapeutische Ziel wie der inzwischen auch bei Zwangsstörungen
Anwendung findende therapeutische Ansatz der Förderung von
"Achtsamkeit", d. h., einer auf sich selbst und sein
"seelisches Innenleben" gerichteten Aufmerksamkeit (mindfulness")
(Heidenreich & Michalak 2004, Schwartz & Beyette 1997).
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